Niemals vergessen! Nie wieder Faschismus! Mahnwache und Kundgebung @Aspangbahnhof

When:
November 9, 2017 @ 18:00
2017-11-09T18:00:00+01:00
2017-11-09T18:15:00+01:00

(Obwohl hierfür auch Gruppen aufrufen, die mehr als daneben sind, möchten wir trotzdem auf die Veranstaltung hinweisen)

„In den Jahren 1939—1942 wurden vom ehemaligen Aspangbahnhof zehntausende österreichische Juden in Vernichtungslager transportiert und kehrten nicht mehr zurück“

Niemals vergessen!
Nie wieder Faschismus!

Mahnwache und Kundgebung
Donnerstag, 9. November 2017, 18 Uhr
Gedenkstein vor dem ehemaligen Aspangbahnhof (Platz der Opfer der Deportation, 1030 Wien)
Niemals vergessen!

Woran gedenken wir am 9. November?

Schon in der Nacht vom 11. zum 12. März 1938, also anläßlich des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in Österreich, begannen Ausschreitungen gegen Jüdinnen und Juden in Österreich. Viele wurden von SA- und HJ-Leuten wie von „einfachen“ Parteimitgliedern, die sich ihre Hakenkreuzbinden und Orden angeheftet haben, verhaftet, geschlagen und öffentlich gedemütigt. Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Juden und Jüdinnen wurden gezwungen Parolen, welche Anhänger des austrofaschistischen Bundeskanzlers Schuschnigg am Vorabend des „Anschlusses“ auf Wände und Gehsteige geschrieben haben mit Reib- und Zahnbürsten wegzuwaschen. Wiewohl mancher der Schaulustigen ihre Bekannten und FreundInnen unter den Gedemütigten erkannt haben mußte, hat niemand den Mut aufgebracht zu protestieren – was zu diesem Zeitpunkt sowohl möglich als auch sinnvoll hätte sein können. Mit diesen Erniedrigungen begann die systematische Diskriminierung der österreichischen Juden und Jüdinnen. Umso heftiger als im „Altreich“, weil in Österreich die Entwicklung, die in Deutschland fünf Jahre gedauert hatte, in kürzester Zeit über die Betroffenen hereingebrochen ist.

Etwa 200.000 ÖsterreicherInnen wurden nach den „Nürnberger Rassengesetzen“ zu „Juden“ erklärt, wobei etwa 180.000 von ihnen tatsächlich der jüdischen Religion angehörten. Die Nazis begannen mit Berufsverboten und Ausbildungsbeschränkungen, Juden und Jüdinnen wurden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Das erste Ziel war es, die jüdische Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben zu drängen. Dann sollte ihr die wirtschaftliche Lebensgrundlage entzogen und nicht zuletzt: gleich ob Arm, ob Reich, ihr gesamtes Vermögen geraubt werden und dieses zumindest nach Willen der Nazi-Granden in die Kassen des „Dritten Reiches“ fließen – obwohl sich auch manch anderer dabei „bedient“ hatte.

Adolf Eichmann, ein strebsamer Biedermann im Dienste des Sicherheitsdienstes (SD) der SS, wurde nach Wien beordert, um die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ aufzubauen. „Auswanderung“ hieß die Beschönigung für das Vorhaben der Nazis, möglichst viele Jüdinnen und Juden aus Österreich zu vertreiben. Doch davor sollte sichergestellt werden, daß diese nicht mehr als die notwendigsten Habseligkeiten mit sich nehmen konnten, der gesamte übrige Besitz wurde beschlagnahmt.
Trotz des stetig zunehmenden Terrors durch die Nazis konnten und wollten viele die Heimat nicht Hals über Kopf verlassen. Besonders älteren Menschen fiel das schwer.

Die führenden Nazis hatten schon lange auf einen Anlaß gewartet, die JüdInnenverfolgung zu verschärfen. Sie brauchten einen Vorwand, mit dem sie diese v.a. auch gegenüber dem Ausland rechtfertigen und gegenüber der eigenen Bevölkerung die Akzeptanz dafür erhöhen konnten.

Der 9. November 1938 – die Bedeutung des Novemberpogroms

Der 17-jährige Herschel Grynszpan schoß am 7. November in Paris als Protest gegen die JüdInnenverfolgung auf den deutschen Diplomaten Ernst v. Rath, nachdem seine Eltern und Geschwister aus Deutschland nach Polen abgeschoben worden waren. Nachdem Rath kurz später starb, organisierte Joseph Goebbels am 9. November 1938 eine reichsweite Aktion gegen die jüdische Bevölkerung, welche als „spontaner Ausbruch des Volkszorns“ getarnt wurde.

Diese Aktion wurde wegen der gelegten Feuer, welche sich in den zerbrochenen Fensterscheiben wie „Kristalle“ spiegelten beschönigend „Reichskristallnacht“ genannt. Diese Nacht dauerte tatsächlich mehrere Tage und Nächte. Nun wurden tausende jüdische Wohnungen und Geschäfte geplündert, zerstört und „arisiert“. 42 Synagogen und Bethäuser wurden in Brand gesteckt und verwüstet. Nicht nur in Wien, auch in den kleineren österreichischen Städten wie Innsbruck kam es zu blutigen Übergriffen. Zahlreiche Menschen starben in Österreich während des und nach dem Novemberpogrom an den Folgen der Mißhandlungen oder nahmen sich aus Verzweiflung das Leben.

6547 Jüdinnen und Juden wurden in Wien im Zuge des Novemberpogroms verhaftet, 3700 davon ins KZ Dachau deportiert. Und: Die jüdische Bevölkerung wurde dazu verpflichtet für alle Schäden des gegen sie gerichteten Pogroms aufzukommen!

Das Novemberpogrom war der entscheidende Schritt, die begonnenen Entrechtungs- und Beraubungsmaßnahmen gegen Juden und Jüdinnen zu vollenden. Es war aber auch eine Art „Testlauf“ der Nazis, wieviel JüdInnenverfolgung der Bevölkerung zuzumuten sei, ohne daß es zu nennenswertem Widerstand dagegen kommt.

Der Aspangbahnhof

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann offiziell der 2. Weltkrieg in Europa. Zu diesem Zeitpunkt lebten noch etwa 70.000 Jüdinnen und Juden in Wien. Alle verbliebenen österreichischen Jüdinnen und Juden waren mittlerweile nach Wien geschickt worden. Dort lebten sie zusammengepfercht in Sammelwohnungen und -lager, unter schlechten Bedingungen und schlecht versorgt. Sie wurden registriert und mußten ab September 1941 einen gelben Davidstern tragen, wie auch die noch von Jüdinnen und Juden bewohnten Wohnungen mit einem solchen gekennzeichnet wurden, um den Behörden die Verfolgung bzw. Aushebung für die Deportationen zu erleichtern.

Die ersten Deportationen sollten noch dem zumindest vorgeblichen Ziel dienen, deutsche bzw. österreichische Jüdinnen und Juden in einem „Judenreservat“ in Polen anzusiedeln. Dieser Plan wurde aber nie verwirklicht.

Im Frühjahr 1941 forderte der neue Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach, die Deportationen wieder aufzunehmen, um die verbliebenen jüdischen Wohnungen „freimachen“ zu können. Juden und Jüdinnen wurden erfaßt und registriert und in der Folge Listen für die Deportationen zusammengestellt.

Die Deportationen erfolgten vom Aspangbahnhof. Diese wurden zuerst mit normalen Personenwaggons der 3. Klasse, später dann mit Viehwaggons, durchgeführt und „nur“ von normaler Polizei bewacht, nicht von der SS. Zum einen wollten die Nazis wohl die Illusion einer „Auswanderung“ für die Betroffenen und die beobachtetende Bevölkerung aufrechterhalten, zum andern rechneten sie nicht mit nennenswertem Widerstand durch die Betroffenen, weil viele der aus Wien Deportierten ältere Menschen bzw. Frauen waren. Die Opfer der ersten Deportationen im Jahr 1941 wurden auf die Ghettos im besetzten Rest-Polen aufgeteilt. Arbeitsfähige kamen meist in die Zwangsarbeitslager der SS. Die meisten dieser am Anfang 1941 Deportierten sollten im Frühjahr und Sommer 1942 „Auskämmaktionen“ der SS zum Opfer fallen oder wurden zusammen mit den polnischen Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager gebracht. Tausende österreichische Juden und Jüdinnen wurden in Lagern wie Maly Trostinez massenhaft erschossen oder in Gaswagen ermordet.

Später führten die Deportationszüge vom Aspangbahnhof in das Ghetto Theresienstadt in der Nähe von Prag, von wo aus die Züge Richtung Vernichtungslager Treblinka, Sobibor, Auschwitz bzw. Auschwitz/Birkenau gingen, welche mittlerweile schon mit riesigen Gaskammern ausgestattet waren. Mit dem Zweck möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit und – für die Mörder – möglichst „schonend“ umzubringen.

Unterdessen wurden auch österreichische Roma und Sinti (sie wurden zuerst als „Asoziale“, später als „Zigeuner“ verfolgt) von der Kriminalpolizei bzw. Gestapo beraubt und in den Lagern Lackenbach/Burgenland, Maxglan/Salzburg und St. Pantaleon/OÖ interniert. Sie wurden immer wieder zu Zwangsarbeit herangezogen. Etwa 5000 Roma und Sinti, in der Regel ganze Familien, wurden 1941 in das Ghetto Lodz deportiert und letztlich im Vernichtungslager Kulmhof/Chelmo ermordet. Ein großer Teil der verbliebenen Roma und Sinti aus Österreich wurde nach Auschwitz/Birkenau gebracht und ermordet, nur wenige überlebten. Bei der Befreiung des Lagers Lackenbach durch die Rote Armee waren dort noch höchstens 400 Häftlinge.

Nach 40 großen und vielen kleineren Transporten aus Wien lebten von 200.000 österreichischen Jüdinnen und Juden 1945 noch etwa 5000 in Wien. Sogar noch in den letzten Tagen der Kämpfe um Wien verübte eine SS-Einheit ein Massaker an neun hier verbliebenen Juden.

15 bis 20.000 österreichische Jüdinnen und Juden, welche sich nach der Flucht in die Tschechoslowakei, nach Belgien und Frankreich schon in Sicherheit geglaubt haben, fielen nach der Eroberung dieser Länder durch die deutsche Wehrmacht ihren Mördern in die Hände.

6 Millionen europäische Juden und Jüdinnen sind der Shoa, auch „Holocaust“ genannt, zum Opfer gefallen, mindestens 65.500 davon stammten aus Österreich. Diese Zahl ist eine Mindestzahl, da viele Ermordete namenlos oder auch „staatenlos“ waren und deshalb nicht als österreichische StaatsbürgerInnen erfasst wurden. Von den 11 bis 12.000 österreichischen „Zigeunern“ wurden zwischen 1938 und 1945 schätzungsweise 9500 ermordet, etwa 2000 überlebten die Deportationen. Zudem sind zigtausende „Erbkranke“ (Behinderte), „Asoziale“, ZeugInnen Jehovas, ZwangsarbeiterInnen, Deserteure und „Wehrkraftzersetzer“, Homosexuelle, Kriminelle und politische GegnerInnen bzw. WiderstandskämpferInnen aus Österreich der Mordmaschinerie der Nazis zum Opfer gefallen.

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„Wehret den Anfängen“

Albert Camus sagte: „Es gibt keine Welt mit Vernichtungslagern, sondern nur eine Welt als Vernichtungslager. Wenn andere in die Knechtschaft getrieben werden, so betrifft uns das auch.“

Heute leben wir in einer Welt mit Vernichtungslagern. Was uns 1945 aufs Tiefste erschütterte, lässt uns heute kalt. Denn Vernichtung von Menschen gibt es weltweit. Aber wirklich nahezugehen vermag es uns nicht. Sind wir an den Horror gewöhnt? Sind wir abgestumpft? Oder halten uns die ständig vor Augen gehaltenen Bilder vom Geschehen fern? Weil sie nicht riechen. Weil man die Schreie und das Leid auf lautlos stellen kann. Weil wir tatsächlich glauben, dass ein Internetposting einer Tat gleichkommt. Dass es Widerstand auf der Straße ersetzt. Gesagt getan im pervertierten Sinn. Weil wir in einer Welt leben, in der die eigene Erleichterung und Entladung wichtiger sind als wirkliche Empathie. Und weil der Individualismus zur Ausblendung des anderen geführt hat. Letztendlich wischen wir in der Realität die anderen genauso weg wie auf unseren Tablets.

Deshalb wählen wir die Trumps und Hofers und Putins und Le Pens. Nicht weil wir glauben, dass sie etwas richten oder revidieren. Sondern weil wir wählen wie wir posten. Es ist mit der Artikulation bereits erledigt und vergessen, dass all dies auch reale Konsequenzen haben könnte, die man vielleicht so gar nicht wollte. Selbst wenn es uns die Demokratie kostet. Das Problem ist nicht die Vergesslichkeit des Wählers, sondern seine Selbstvergessenheit. Insofern geht es auch hier um Nichtvergessen.

Zunächst wollte ich heute einen Text lesen, der das nachempfinden lässt, was letztlich nicht nachempfindbar ist. Nicht für uns, für keinen, der das nicht durchlebt hat. Ja, vielleicht nicht einmal für jene, die das Vernichtungslager überlebten. Selbst sie mussten verdrängen, vergessen kann man nicht, um überhaupt weiterleben zu können. Nachempfindbar halten, weil es vielleicht die einzige Form des Nichtvergessens ist. Damit diese Schreckenstaten nicht aus unseren Genen verschwinden. Damit es eine emotionale Abrufbarkeit gibt. Wobei das ist vermutlich illusorisch. Denn die Erschütterung lässt erschütternder Weise nach. Insofern heißt Nichtvergessen auch, die Entsprechung im heute zu finden. Und diese finden wir nicht nur in der Verhöhnungsästhetik der gegenwärtigen Faschisten, die menschenverachtend sind, weil sie dem Menschen nichts zutrauen, den Makel als Makel denunzieren, sich vor der Ungleichheit ekeln und sich selbst verachten für ihre Unvollkommenheit, wobei sich die Fantasie der Vollkommenheit aus der Abtötung speist. Und auch die Wähler trauen sich selbst nichts zu, sonst gäbe es die Sehnsucht nach den Erlösern, Reparateuren und Führern nicht. Stellt sich umgekehrt die Frage: Was kann man dem Menschen zutrauen? Ist es nicht das allerhöchste Gut des Menschen ganz Mensch zu sein? Wann ist der Mensch am meisten Mensch? Vermutlich wenn er sich zu seinen Fehlern bekennt, sie zulässt, sie ins Menschsein miteinbezieht, wenn er nicht versucht, ein Roboter zu sein.

Ein Roboter will perfekte Abläufe, Effizienz, Leistung, messbare Maßstäbe, Bewertung und Erfolg. Roboter haben kein Mitgefühl für andere. Sie kreisen um sich selbst und ihre Programmierung. Roboter vergasen auch Menschen, weil sie diese nur als Zahlen sehen. So wie die Nazis keine Menschenkolonnen, sondern Zahlenkolonnen vor Augen hatten.

Steckt hinter der momentanen Wut und dem Hass nicht vielleicht die Angst, nur noch als Roboter empfunden zu werden? Übersehen zu werden. Speist sich daraus der Neid auf die anderen? Letztendlich auch der Neid auf den Flüchtling, der sein Leben zum Besseren verändern konnte. In sozialen Medien wird genau diese Mechanik aufgebaut. Man sollte also eher von asozialen Medien sprechen. Sie programmieren uns mit rotierenden, gleichen Impulsen. Unsere Gefühlswelten changieren mechanisch zwischen den großen Antipoden Neid/Hass/Wut und Pathos. Die Nuancen dazwischen sind erkaltet. Für diese haben wir keine Zeit. Alles muss sofort passieren. Und verfügbar sein. Nicht nur Ursache. Auch Wirkung. Und Lösung. Zumindest Entsprechung. Dieses Verhalten ist jetzt auch in der Politik angekommen, wo Zusammenhänge und Besonnenheit einmal Tugenden waren. Aber für diese braucht man eben Zeit. In der Hast hat vieles, was uns zum Menschen macht, keinen Platz.

Bevor man andere deportieren kann, muss man etwas in sich selbst deportieren. Muss man gewisse Dinge erkalten lassen, muss man sich programmieren, etwas abtöten. Im Internet dressieren wir uns täglich gegenseitig indem wir nur noch mit Gleichgesinnten verkehren. So entstehen keine Milieus, sondern konditionierte Roboter. Eine Simulation, wo jeder Impuls eine zeitgleiche Entsprechung hat. Die wir mit Realität verwechseln. Und plötzlich fühlt sich in diesem Gehenlassen und diesem Rauslassen und in diesem Reinkotzen die Vernunft wie ein Zölibat an. Wie ein Befehl zur Entsagung, als würden Barbarei und Grausamkeit im Gengehege des Menschen schnaufend auf und ab gehen und nur darauf warten, endlich losgelassen zu werden. Liegt nicht die kollektive Depression darin, dass ein Foto ein echtes Gesicht genauso wenig ersetzen kann wie die Lüge die Wahrheit? Wie die Simulation das echte Leben. Ist es nicht das Bekenntnis zur Wahrheit, das den Respekt zum anderen schafft? Ist die Lüge nicht die Ignoranz des anderen? Den anderen als Menschen erkennen, auch wenn er anderer Meinung ist. Ja, selbst wenn er Täter ist. Selbst Hitler war ein Mensch bevor er Roboter wurde. Das Erkennen, all das steckt in uns. Jeder Gedanke kann sich in die Massenvernichtung pervertieren. Nicht nur der nationalsozialistische. Jeder. Wenn er beginnt, uns zu programmieren und den anderen zu entmenschlichen. Was aber stets mit der Entmenschlichung von uns selbst beginnt.

Deshalb ist Nichtvergessen keinesfalls gleichzusetzen mit dem Fingerdeut auf die Schuldigen. Oder die heutigen Wiedergänger. Ganz nach Camus: Alles Menschliche betrifft uns alle. Es gibt eben nur eine Welt im Vernichtungslager. Nicht mit Vernichtungslagern. Wir sind jene, auf die wir als Schuldige deuten, genauso wie jene, die vergast werden. Wie wenig es braucht, um dazu fähig zu sein, das ist es, was wir aus unserer Geschichte lernen müssen. Es geht nicht darum, den anderen zu beschuldigen. Es geht darum, ihn davon abzuhalten. Es geht um Aufklärung im besten Sinn.

Den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen unterliegt keiner Zeit. Ist immer Gegenwart. Die Gefahr, dass wir wieder Roboter werden, war noch nie so groß wie jetzt. In Zeiten von blond gefärbten Männern, die mit Superheldenversprechen eine Superrealität kreieren, wirkt die Welt wie ein Marvel Comic. Künstlich und überzeichnet. Es geht auch um Ästhetik. Um eine Ästhetik der Lebendigkeit. Die wieder Schmutz zulässt. Und im sogenannten Makel wieder Schönheit erkennt. Die nicht auf Auslöschung ausgerichtet ist, in dem sie alles gleichmacht und in Monotonie verschüttet.

Wir sollten vor allem nicht vergessen, wer wir sind. Und weniger danach eifern, wer wir sein wollen oder vorgeben zu sein. Das führt genau zu jener Selbsterhebung und Demütigungsspirale, in der wir heute gefangen sind. Hier am Aspangbahnhof, wo man ein Mahnmal braucht, weil es keine Spuren des Schreckens mehr gibt, wurden zehntausende Menschen in Züge geprügelt, auch viele Kinder, die sich an ihre Puppen klammerten, weil sie nicht verstanden, wozu der Mensch fähig ist. Irgendwann wird soviel Zeit vergangen sein, dass wir keine emotionalen Spuren des Holocausts mehr in uns tragen, ähnlich wie sich nichts mehr regt, wenn wir an die 50 Millionen Toten des Sklavenhandels denken oder an andere historische Genozide. Solche Abende sind dazu da, um uns daran zu erinnern, dass wir all diese Spuren immer in uns tragen, weil wir selbst diese Spuren sind. Es sitzt in uns. In jedem. Immer. In diesem Sinne: „Wehret den Anfängen“.

David Schalko

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Initiative Aspangbahnhof
http://initiative-aspangbahnhof.org