Textdiskussion “Alle lieben Apo” @ekh

18.05. Textdiskussion “Alle lieben Apo”
19:30 im Infoladeden im EKH

Diesmal soll der Artikel “Alle lieben Apo” diskutiert werden.

Alle lieben Apo

Wenn der DKP-Opa mit dem Autonomen und dem Vegananarchisten zum
kurdischen Märtyrergruß den Arm erhebt und ein V mit den Fingern bildet,
ist es höchste Zeit, sich mit der Linken und ihrem Verhältnis zur PKK zu
beschäftigen. Wenn Abdullah Öcalan Monchi von Feine Sahne Fischfilet
oder Torsun von Egotronic als Vorbild ablöst und man beim Gang in die
Szenekneipe von überzeugten Anarchisten mit Schals in kurdischen Farben
und einem fröhlichen »Biji« begrüßt wird, dann weiß man, die radikale
Linke hat wieder mal ein Affirmationsobjekt gefunden.

Es gibt drei Typen von Kurdistan-Fans in der deutschen radikalen Linken.
Da sind die klassischen Antiimps und Marxisten-Leninisten, die endlich
mal wieder eine nationale Befreiungsbewegung feiern können. Bewaffneter
Kampf ist bei diesen Gruppen ja sowieso ein Fetisch und so schmücken
Blogs, Facebook und Instagram-Profile aus diesem Lager zahlreiche Bilder
von kurdischen Kämpferinnen mit Kalaschnikows in der Hand. Die MLPD
trägt auf jeder Demonstration gegen den Krieg in Afrin Schilder mit der
Aufschrift »Freiheit für Kurdistan und Palästina!« Der
antiimperialistische Traum aus den siebziger Jahren ist zurück. Ein
unterdrücktes Volk im Kampf, und das auch noch im Zeichen des roten
Sternchens. Aber auch im eher »antideutschen« Millieu herrscht
Begeisterung. In Rojava zeigen die Kurden ein linkes Selbstverständnis,
bekämpfen Islamisten und die Absolution aus Israel gibt es auch noch.
Israel unterstützt die Autonomie im Nordirak und auch über die
kurdischen Kämpfer in Rojava sind aus Jerusalem kaum kritische Worte zu
hören. Die dritte Gruppe der Kurdistanfans sind die Anarchisten. Für sie
ist Rojava und der vom PKK-Chef Abdullah Öcalan propagierte
»Demokratische Konföderalismus« eine Weiterentwicklung der Theorien des
amerikanischen Ökoanarchisten Murray Bookchin. Bookchin, mit dessen
Schriften sich Öcalan im Gefängnis intensiv auseinandergesetzt hat,
hatte eine Gesellschaftsordnung entworfen, die dezentral, demokratisch
und ökologisch sein soll. Seit 2005 wird von der PKK ein darauf
aufbauendes Gesellschaftsmodel entwickelt. In mehreren Büchern äußert
Öcalan seine Gedanken dazu, wie man eine solche Gesellschaft aufbaut.
Der Norden Syriens, von den Kurden als Rojava (Westkurdistan)
bezeichnet, wird als erstes Gebiet der Erde genannt, in dem dieses
Konzept umgesetzt werde.

Anarchistinnen und Anarchisten sind es auch, die die Praxis in Rojava
bisher am härtesten kritisieren. So berichtet eine Anarchistin aus dem
Rheinland in der Zeitschrift Găidào, dass zwar viele Strukturen in
Rojava von Männern und Frauen gleichermaßen besetzt seien, aber die
alten Männer noch immer die Fragen beantworteten, wenn es darauf ankäme.
Insgesamt erschiene die Rolle der PKK undurchsichtig. In anarchistischen
Gruppen gibt es eine kontroverse Debatte. Denn die Kader der PKK haben
politische Erfahrungen, sie drohten daher die Strukturen in Rojava zu
dominieren. Viele von ihnen kämen auch nicht aus Westkurdistan, sondern
seien Kämpfer aus der Türkei und dem Irak.

Eine weitergehende Kritik äußerte die »Antideutsche Aktion Berlin«. Die
Gruppe kritisiert die Unterdrückung von Minderheiten in den von PKK und
PYD beherrschten Gebieten, in arabischen Dörfern seien Kriegsverbrechen
begangen worden. Außerdem hätten sich diese beiden Organisationen mit
dem Assad-Regime arrangiert.

Genaues über das Handeln und die Struktur der kurdischen Linken zu
erfahren ist schwierig. Auch bei Reisen nach Rojava erhalten Besucher
nur eingeschränkte Einblicke. Zweifellos sind die politischen
Verhältnisse dort viel besser als unter der Herrschaft Assads oder der
Jihadisten, doch entsprechen sie nicht den revolutionsromantischen
Mythen. Es gibt gute Gründe, sich nicht vorbehaltlos dem kurdischen
Befreiungsnationalismus zu verschreiben. Auch eine kritische Distanz zur
PKK muss niemanden davon abhalten, sich gegen den türkischen Krieg in
den kurdischen Gebieten zu stellen und repressive Maßnahmen in
Deutschland zu kritisieren.

Sebastian Weiermann, Jungle World 14, 5. April 2018
https://jungle.world/artikel/2018/14/alle-lieben-apo

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